Energieeffiziente Sanierungen – wie Kommunen handeln können

Foto: Vlado Paunovic via Unsplash

Rüsselsheim am Main (DE) geht mit Energiekarawane voran

Der Gebäudebestand in Europa ist aufgrund seiner CO2-Emissionen einer der Treiber des Klimawandels. Gebäude in privater Hand sind dabei für mehr als 25 % des Gesamtausstoßes an Emissionen verantwortlich. Dies zeigt deutlich: Es ist Zeit, zu handeln – auch für die lokale Ebene. Kommunen können nicht nur ihren eigenen Gebäudebestand, auf den sie direkt Einfluss nehmen können, angehen. Es gilt auch, die Zielgruppe der privaten Eigentümer*innen zu motivieren.

Rüsselsheim am Main, eine Stadt mit mehr als 66.000 Einwohner*innen, geht diese Aufgabe nun an und setzt aktuell die Energiekarawane um, eine hoch effektive Kampagne zur energetischen Gebäudesanierung, die Kommunen durch die Kooperationspartner fesa e.V. und Klima-Bündnis zur Verfügung steht. „Private Gebäude bieten vor allem aufgrund der Größe des Bestandes enorme Einsparpotenziale. In Rüsselsheim stehen zudem viele private Wohngebäude aus den 50er bis 80er Jahren, die einen hohen Sanierungsbedarf aufweisen“, kommentiert Jule Rump, Projektleiterin für Klimaschutz und Klimaanpassung und Projektverantwortliche für die Energiekarawane der Stadt Rüsselsheim.

Die Energiekarawane kehrt das herkömmliche Prinzip der Energieberatung um: Städte und Gemeinden unterbreiten Bürger*innen in einem ausgewählten Quartier proaktiv das Angebot einer kostenfreien Beratung durch neutrale und qualifizierte Energieberater*innen. Erfahrungsgemäß werden bei durchschnittlich 60 % der Beratungen energetische Sanierungsmaßnahmen umgesetzt. „Mit dem Wissenstransfer in die Kommunen und unserer Begleitung während aller Projektphasen befähigen wir Städte und Gemeinden zu einer selbstständigen Durchführung in Zukunft”, erläutert Brice Mertz, Kampagnenleiter Energiekarawane beim fesa. Bisher wurden weit über 100 Kommunen jeder Größenordnung für die Kampagnenumsetzung in Deutschland fit gemacht.

Seit Ausrufung des Klimanotstands 2019 erhöhte Rüsselsheim seine Ambitionen. Klimaschutz und Klimawandelanpassung rückten stärker in den Fokus der Verwaltung. Die Energiekarawane ist nun eine Maßnahme des neuen „Klimateams“ der Stadt. „Wir haben uns für die Umsetzung dieser Kampagne entschieden, da wir bei der proaktiven Vorgehensweise eine große Chance sehen, viele Bürger*innen zu erreichen, ein Informationsangebot zu schaffen und die Aufmerksamkeit auf energetische Sanierungen zu lenken“, kommentiert Jule Rump die Entscheidung für die Energiekarawane. Das Feedback seit dem lokalen Kampagnenstart in den Quartieren Eichgrund und Haßloch-Nord Ende Oktober 2021 war bisher sehr positiv. Bereits mehr als 40 Eigentümer*innen haben einen Beratungswunsch geäußert.

Doch brachte die Umsetzung der Energiekarawane auch Herausforderungen mit sich. Die Stadt hat die Kampagne im Eiltempo organisiert. In nur vier Monaten wurde die Idee in die Realität umgesetzt. Viele Bereiche der Stadtverwaltung mussten in die Planung miteinbezogen werden. „Durch die gute Zusammenarbeit, das Engagement und die schnelle Bearbeitung seitens meiner Kolleg*innen, konnte die Kampagne erfolgreich starten.“, verriet Jule Rump. Auch lobte sie die Zusammenarbeit und die Beratung durch den fesa e.V. und das Klima-Bündnis, so konnte Rüsselsheim von den zahlreichen Erfahrungen anderer Kommunen lernen und profitieren.  Aktuell erschwert die Corona-Pandemie die Umsetzung. „Den Eigentümer*innen werden von den Energieberatenden auch noch Termine im März angeboten, in der Hoffnung, dass sich die Lage bis dahin wieder etwas beruhigt hat.“, erläutert Jule Rump. Auch wenn die Beratungen zeitlich verzögert stattfinden werden, ist Rüsselsheim von der Herangehensweise der Kampagne überzeugt.

Rüsselsheim zeigt am Beispiel der Energiekarawane, wie Kommunen aktiv zu einem energieeffizienten Gebäudebestand in Europa beitragen können. Neben der Kampagne, setzt die Stadt auch weitere Maßnahmen um. So werden seit einiger Zeit die kommunalen Liegenschaften sukzessive energieeffizient saniert. In Zukunft will die Stadt noch mehr machen und bspw. eine deutsche Fördermöglichkeit für energetische Quartierskonzepte (Kfw 432) in Anspruch nehmen, aber auch die Energiekarawane weiter nutzen. Schon jetzt formuliert die Stadt Pläne, die Kampagne zukünftig auch auf weitere Quartiere ausweiten zu wollen.

Städte und Gemeinden haben eine Vielzahl an Handlungsmöglichkeiten. Das Klima-Bündnis bietet seit Kurzem auch eine dezidierte Arbeitsgruppe zum Thema Gebäude an, um eben diese Handlungsoptionen mit interessierten Mitgliedern zu diskutieren und eine Plattform für den Austausch untereinander und mit Expert*innen zu bieten. Interessierte Kommunen sind eingeladen, mitzumachen und somit das zentrale Thema der Gebäudesanierungen weiter voranzubringen.

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geschrieben im Dezember 2021